Wüste

Sie stand aufrecht in der Asche ihrer Feinde. Der Überfall dauerte nun schon beinahe zwei Tage und ihre Kräfte schwanden. Ihr Herz raste und ihr Blick war verschwommen, doch noch konnte sie nicht aufwachen. Die nächste Welle war soeben am Rand der Schutzzone erschienen. Sie fühlte sich schwach, doch so wie der Schlafende nur wenig Kontrolle über die Verschiebung seiner Aufmerksamkeit hat, so hatte sie keine Kontrolle über ihren immerwährenden Kampf. Sie beobachtete sich dabei, wie sie direkt vor den Eindringlingen die Augen öffnete und sofort wanden sich krallenbewehrte Tentakel um ihren Leib. Instinktiv ballte sie die Fäuste und ging zum Angriff über. Ihre Flammen waren jetzt schwächer und ihre Hiebe kamen langsamer. Während die brennenden Überreste abgehakter Körperteile um sie herum verglühten, fragte sie sich, ob dies wohl ihre letzte Schlacht sein würde. Ob die Angriffe diesmal nicht nachlassen würden, bis ihre Kraft aufgebraucht war und sie tatenlos würde zusehen müssen, wie sie alle überrannt und ihre Körper verschlungen würden. Sie spürte, wie ihre physische Gestalt zitterte und sich in ihren Fesseln wand. Sie biss die Zähne zusammen: heute würde dieser Tag nicht sein. Sie fokussierte sich auf die ekelhaften Kreaturen vor sich und brüllte vor Wut. Der Hass der in ihr aufstieg, gab ihr neue Kraft und ihre Flammen loderten höher.

Samstag Nachmittag begann die Flut endlich abzuebben. Das erste mal fiel es Hektor Klaue auf, als er sich zum Nachladen hinter die Mauer duckte und sich über die relative Stille wunderte. Das Stakkato der Gewehre schien leiser zu sein, die Schmerzensschreie seiner Kameraden seltener. Als er mit einem frischen Magazin in der Waffe wieder den Kopf hob, glaubte er sogar, die Angreifer zählen zu können, die kurz vor dem Graben in Flammen aufgingen. Er wagte einen vorsichtigen Blick zur Seite und stellte fest, dass keine Schlacken mehr auf den Wällen zu sehen waren. Das war sein letzter Fehler: als Hektor den Blick wieder in die Wüste richtete, kam ein geflügeltes Ding aus Zähnen und schwarzem Fleisch direkt auf ihn zugeflogen, ein kreisrundes Maul im Bauch danach geifernd, ihm den Kopf abzubeißen. Hektor drückte den Abzug durch. Ein Schwarm aus Kugeln durchbohrte die Ungestalt und lies Eiter, Fleisch und schwarzes Blut zu Boden regnen. Doch natürlich bremste das seinen Kontrahenten zu wenig und als sich gekrümmte Krallen in seine Schulterpanzerung bohrten, konnte Hektor nur noch an seine Eltern denken. Doch anstelle von Zähnen um seinen Hals spürte er auf einmal eine sengende Hitze überall da, wo das Monster ihn berührte. „So fühlt sich also Sterben an“ dachte er noch, bevor die Hitze ihn endgültig zu Boden riss. Der Schlacke stimmte ein fürchterliches Triumphgeheul an, das seltsamerweise so klang wie ein Schmerzenslaut. Sekunden, zäh wie Milchschaum, verstrichen und weder wurde die Welt dunkel, noch ließen die Schmerzen nach. Und auf einmal war da kein Gewicht mehr auf seinen Schultern, aber dafür Glut in seiner Lunge. Und es schneite. Mitten in der Wüste. Hektors vom Schock gelähmtes Gehirn brauchte einen Moment um zu realisieren, dass nicht Schnee auf ihn herabregnete, sondern die Asche seines Möchtegernmörders. Die Träumerin musste ihn erwischt haben, kurz bevor dieser seinem armen Leben den Gar ausmachen konnte. Mit einem stumpfen Knall hörte er etwas in den Aschehaufen zu seinen Füßen fallen. Er senkte den Blick und sah, dass es seine Waffe war, irgendwie seinen Händen entglitten. „Kein Wunder“ dachte er; bei soviel Blut auf dem Ding musste es ja glitschig wie ein Schwarm Kaulquappen sein. Den Gedanken, dass das Blut wahrscheinlich seins war, das aus zwei großen Fontänen unter den Rangabzeichen an seinen Schultern sprudelte, hätte er wahrscheinlich noch gefasst, doch kam er nicht mehr dazu: als er über seinem Gewehr zusammen sackte, hatte er schon längst das Bewusstsein verloren.

„Kann mal bitte jemand dieses entsetzliche Fiepen abstellen? So kann doch kein Mensch schlafen“ murmelte er, viel leiser als beabsichtigt. Seine Stimme fühlte sich irgendwie nicht gut an. Noch seltsamer war allerdings die Antwort seines Zugführers: „Dieses Fiepen wie du es nennst ist dein EKG und wäre da nichts zu hören, wärst du tot. Was du übrigens sein solltest, der Arzt sagt mir dein Blutverlust wäre astronomisch gewesen. Dein Glück, dass wir so viele Tote und so wenig Verwundete zu beklagen haben, dass unsere Vorräte an Konserven ausgesprochen gut sind.“ Hektors Kopf pochte und trotz aller Anstrengung konnte er kein Verständnis für den Galgenhumor seines Vorgesetzten aufbringen. „Ist der Angriff vorbei? Kurz bevor es mich umgehauen hat, dachte ich, es würden weniger werden.“ Markus lachte: „Da springst du gerade mal so dem Tod von der Schippe und alles woran du denken kannst, sind Schlacken? Ich würde dich ja für eine Beförderung vorschlagen, wenn ich dadurch nicht einen so guten Soldaten verlieren würde. Aber ja, die Angriffe haben aufgehört. Gestern gab es noch ein paar Nachzügler, aber heute ist es so ruhig, dass die Gerüchteküche berichtet, Amy sei beim Frühstück gesehen worden.“ – „Moment, gestern? Wie lange war ich …?“ versuchte Hektor zu artikulieren. Sein Bewusstsein fühlte sich an wie ein Schwamm aus dem beständig das Wasser gedrückt wurde: es fiel ihm schwer, einen Gedanken für länger als ein paar Sekunden zu behalten. „Das willst du nicht wissen. Es war lang. So lang, dass wir schon einen Brief an deine Familie verfasst haben. Glücklicherweise konnten wir ihn während der Belagerung nicht abschicken. Ich habe ihn vorhin zerrissen.“ „Ist Amethyst wirklich wach?“ fragte Hektor, noch etwas benebelt von den Schmerzen und was auch immer die Sanitäter ihm verabreicht hatten. Wenn Sakalas Träumerin tatsächlich wach war, war das schlimmste wohl überstanden. „Weißt du, ich würde mich gerne persönlich bei ihr bedanken, schließlich hat sie mir das Leben gerettet.“ Erneut lachte Markus auf, diesmal etwas lauter als zuvor: „Zieh ne Nummer! Du hast wohl noch ordentlich Morphium im System; du weißt so gut wie ich dass sie uns allen das Leben gerettet hat. Ohne Amethyst würde es den Sakalaposten nicht mehr geben und wir wären alle Futter für die Schlacken.“ Langsam verlor sich das Lachen und Markus wurde sanfter und seine Augen ernst: „Erhol dich gut, wir haben in diesem Angriff viele Männer verloren und ich will nicht dass du dich ihnen anschließt.“ Er klopfte Hektor freundschaftlich auf die Schulter, bereute die Geste aber sofort als er die Schmerzen auf dem Gesicht seines alten Schulfreundes sah.

Zwei Monate später kehrte Hektor nach Sakala zurück. In der Tasche hatte er einen Brief, den Markus zu überreichen nicht einfach sein würde. Er hatte im Lazarett lange über seine letzte Schlacht nachdenken können. Er fragte sich, warum sie überhaupt mit Gewehren, Granaten und Raketen gegen die Schlacken kämpften, wo diese doch so wenig ausrichten konnten. Es brauchte mindestens drei 10kg Gefechtsköpfe um auch nur einen mittelgroßen Schlacken auszuschalten und selbst das war keine sichere Bank. Die gewöhnlichen Gewehre der Truppe hätten hingegen gleich Platzpatronen verschießen können. Sicher, wenn zehn Mann minutenlang Phosphorgeschosse auf einen Schlacken herabregnen lassen konnten, würde der irgendwann zu Boden gehen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass er einfach zischte, sich zurück zog und an anderer Stelle wieder angriff. Nein, die einzige wirklich wirksame Verteidigung gegen diese Biester kam in Form der Träumer, die in ihrem Schlaf die Schwachstellen ihrer Feinde sahen und sie durch bloße Willenskraft in Flammen aufgehen lassen konnten. Kein Außenposten am Rand der sicheren Territorien kam ohne einen Träumer aus. Doch wurden nur so wenige geboren dass es überall bis auf bei den größten und strategisch bedeutendsten Basen bei einem blieb. Und Sakala konnte nun wirklich nicht als groß bezeichnet werden. Es war noch nicht einmal ein sonderlich wichtiger Außenposten. Sein Verlust würde lediglich bedeuten dass die Koalition den Zugang zu einem großen unterirdischen Trinkwasserreservoir verlieren würde. Als Hektor sich mit nur 19 Jahren bei den Koalitionstruppen einschrieb, hatte er zwar damit gerechnet, Kämpfen zu müssen, aber nicht am Ende der Welt. Und egal was in den Städten über die Schlacken bekannt war und von ihnen berichtet wurde, ihnen tatsächlich gegenüber zu stehen war etwas ganz anderes gewesen. Die ersten Wochen seines Einsatzes auf Sakala hatte Hektor sich nichts anderes gewünscht, als den Grunddienst irgendwie zu überleben und dann die Truppe so schnell wie möglich wieder zu verlassen, zur Not unehrenhaft. Er hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, sich selbst einen Fuß wegzuschießen, um als untauglicher Invalide entlassen zu werden. Er wusste, dass er damit nicht alleine war: seine Heimatstadt war voll von verkrüppelten Veteranen gewesen. Er schätzte den Anteil derer, die ohne Feindeinwirkung auf den Straßen und in den Suppenküchen gelandet waren auf mindestens die Hälfte, wenn nicht noch mehr: Schlacken hinterließen für gewöhnlich keine Verwundeten. Wenn sie einen erwischten, war man erledigt. Wenn nicht von den Krallen und Zähnen, dann durch das Gift oder eine der schrecklichen Geisteskrankheiten, die so viele ihrer Opfer befielen. Um genau zu sein war Hektor sogar der einzige Überlebende eines direkten Angriffes von dem er wusste. Sogar im Lazarett hatten sich hauptsächlich Unfallopfer, Feiglinge und Sterbende befunden. Ursprünglich war er froh gewesen, dem Gemetzel entkommen zu sein, doch nun würde er sich selbst dazu verdammen, eines Tages von einem Schlacken in Stücke gerissen zu werden.

Lächelnd schüttelte Markus ihm die Hand: „Herzlichen Glückwunsch zur Genesung, Fähnrich Klaue.“ „Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung, Leutnant Fuchs.“ erwiderte Hektor. „Heißt das, wir müssen jetzt voreinander salutieren und uns beim Nachnamen nennen?“ „Aber nicht doch“ antwortete Markus „Nur in Hörweite eines Offiziers oder Reporters. Um ehrlich zu sein hatte ich nicht damit gerechnet, dich nochmal hier draußen begrüßen zu dürfen. Den meisten Verwundeten wird eine Versetzung an einen ruhigeren Ort bewilligt, der näher an der Heimat ist. Die Zwergzinnen vielleicht, oder Camp Delphi.“ Hektor spürte, dass dies der Zeitpunkt war, der sein Schicksal besiegeln würde. Von hier an würde es kein Zurück mehr geben. Unruhig scharrte er mit den Füßen im Sand. Und obwohl er eine Sonnenbrille trug, senkte er den Blick. „Tja weißt du“ begann er zögerlich „ich habe darum gebeten, nicht versetzt zu werden. Ich habe ein Anliegen und da du jetzt hier gewissermaßen das Sagen hast …“ Hektor nestelte etwas unbeholfen an der Fixierung seiner Schutzweste herum. Trotz der großzügigen Polsterung brannte jede Bewegung an seinen Schultern und so dauerte es deutlich länger als er beabsichtigte, den Brief hervorzuholen. Vorsichtig entknitterte er ihn und reichte ihn Markus, der sichtlich angespannt wirkte, als wartete er auf den Marschbefehl an den Äquator in die Herzlande der Schlacken selbst. Er versuchte zehn Sekunden lang vergeblich, den Umschlag zu öffnen, grunzte missmutig und streifte sich den rechten Handschuh ab. Derart befreit, gleang es ihm schließlich und er begann zu lesen. Seine Augen weiteten sich mit jeder Zeile. Als er fertig war, hob er das Kinn seines Gegenübers, der damit beschäftigt war, eine Hand in der anderen zu wiegen und von einem Bein auf das andere zu wippen, bis der ihm in die Augen sehen musste und fragte knapp: „Bist du dir sicher?“ „Nein“ dachte Hektor, „so unsicher war ich mir noch nie im Leben.“ „Es ist das Richtige. Sie riskiert jeden Tag ihr Leben, um uns, um die Koalition zu beschützen. Ohne sie würde ich heute nicht vor dir stehen. Ich muss das tun.“ „Dir ist schon klar“ warf Markus ein „dass das ein Ticket ohne Rückfahrschein ist? Nominell können zwar auch Mitglieder der Ehrenwache einer Träumerin in den Ruhestand gehen, aber meines Wissens nach ist das noch nie vorgekommen. Sie sterben alle bei der Erfüllung ihrer Pflicht.“ – „Genau so wie die Träumer selbst. Ich schulde Amethyst ein Leben und ich werde es ihr geben, wenn ich sie dadurch beschützen kann.“ „Nun gut“ meinte Markus, „Meinen Segen sollst du haben, auch wenn es mir in der Seele wehtut. Aber die endgültige Entscheidung treffe nicht ich sondern sie. Jeder Träumer hat das Recht, die Mitglieder seiner Wache selbst auszuwählen. Ich spreche mit ihr, sobald sie wach ist.“

Ein halbes Dutzend Krallen, jede so lang wie ihr Arm, nagelten sie auf den Boden. Das Material rauchte zwar und verlor bestimmt Masse, doch es war gewiss zu wenig. Die Schmerzen waren überwältigend, sie wünschte sich nichts sehnlicher, als ohnmächtig zu werden. Doch im Traum lässt sich das Bewusstsein nicht ausschalten und so blieb ihr nur zu Schreien. Jede ihrer Gliedmaßen war so fest und unbeweglich als wäre sie in den Wüstensand betoniert. Als eines der Mäuler des Schlacken sich geifernd über ihren Kopf beugte, zwang sie ihr letztes bisschen Feuer in ihre Augen und holte so weit mit dem Hals aus wie es ihr möglich war. Schmerzenslaute, die Knochen zu Salz werden ließen erklangen; sie wusste nicht, ob es ihre oder die des Schlacken waren. Und es war ihr egal, sie hatte wahrscheinlich eh nur Sekunden gewonnen. Doch als der Schlacken zurück zuckte, spürte sie einen Ruck an ihrem linken Arm. Da kam ihr eine Idee: wenn sie den Arm schon nicht zu heben vermochte, dann vielleicht wenigstens zu verschieben. Und tatsächlich, sie konnte, indem sie die Zähne zusammen biss ihren Arm langsam nach hinten schieben. Der Preis war dass sie sich ihr Fleisch selbst an dem überall mit Widerhaken versehenen Zahn aufschnitt. Die Schmerzen wurden so brutal dass sie glaubte, ihr Rückgrat würde von einer Straßenwalze zermalmt werden. Ihr Herzschlag setzte aus, ihr Blick verengte sich und wurde dunkel. Ihr Universum war jetzt nur noch Schmerz, doch eine unsichtbare Macht verhinderte, dass sie losließ. Ihre Seele brannte wie Papier unter einem Vergrößerungsglas. Ihr Arm, nun so groß wie ein ganzer Kontinent, pochte langsam aber alles andere überdeckend. Sie war sich sicher, dass sie nun sterben würde, doch konnte sie keinen einzigen letzten Gedanken fassen. Dann war ihr Arm frei.

Hektor wusste nicht, ob er sich jemals an den Anblick gewöhnen würde. Seine Schutzbefohlene lag rücklings auf ihrem Bett, an Händen und Füßen gefesselt. An beiden Armen flossen Narkosemittel über die permanenten Zugänge in ihr Blut. das EKG piepste nur noch sehr unregelmäßig. Hektor fragte sich, woher Amy die Energie nahm, sich dermaßen gegen ihre Fesseln aufzubäumen. Schweiß ronn über ihre nackte Haut und bildete bereits Lachen unter dem Tisch. War es bloß Einbildung oder flimmerte die Luft über ihr wirklich? Doch schlimmer als all dies, schlimmer als die Schreie der verbrennenden Schlacken und sterbenden Kameraden, die dumpf durch die Bunkertür drangen, waren ihre Augen. Amethysts dunkellila Augen waren offen und zuckten panisch hin und her, jagten von einem Alptraum zum nächsten, ohne je irgendetwas wirklich zu fokussieren. Ab und zu, wenn sie kurz an einem Ort irgendwo in der Unendlichkeit verweilten, konnte Hektor sogar die gold glitzernden Punkte in ihrer Iris erspähen. Es war offensichtlich, dass sie unbedingt aufwachen wollte, doch das Propofol das unbarmherzig in sie hinein sickerte, verbot ihr das. Und würde sie tatsächlich erwachen, würde es Sakala innerhalb von Minuten nicht mehr geben. Doch das selbe galt wenn … „Stirbt sie?“ fragte er, an niemand bestimmten gerichtet. Fast alle im Raum drehten sich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck nach ihm um. Nur die Anästhesistin, beschäftigte sich weiter damit, eine Spritze in einen von Amys Zugängen zu entleeren. Ohne jedwede Mimik erwiderte sie trocken: „Wie lange sind Sie hier, Soldat? Sechs Monate? Und jetzt stellen Sie diese Frage?“ Sie reichte die leere Spritze einer Assistentin und fixierte Hektors Augen mit den ihren. „Nein, sie stirbt nicht. Heute nicht und auch sonst nicht. Dabei ist es heute noch nicht einmal sonderlich kritisch. Ich hoffe, Sie können sich zusammen reißen, wenn wir mal einen wirklich schlechten Tag haben sollten.“

Als Amy endlich aufwachte waren ihre brustlangen Haare, die sie wie ihre Augen lila mit goldenen Strähnen trug, fettig und verfilzt. Wie jedesmal reichte ihr jemand einen Bademantel und wie jedesmal wedelte sie ihn weg. Hektor vermutete, dass sie andauernd von so vielen Menschen beobachtet wurde, während sie nackt, gefesselt und hilflos war, dass sie längst kein Schamgefühl mehr hatte. Oder, was bei weitem nicht so schmeichelhaft für sie alle wäre, kein Vertrauen. Während zwei Schwestern sie von ihren Fesseln befreiten und ihre wunden Gelenke mit Creme einrieben, sah sie Hektor an. Oder vielmehr einen unsichtbaren Stern, der unendlich weit hinter Hektor nur ihr zu leuchten schien. „Lassen Sie uns nachher gemeinsam essen“ sagte sie so schwach, dass er sich zunächst nicht sicher war, ob er es sich nicht nur eingebildet hatte. Die Tatsache, dass sie überhaupt redete, war bemerkenswert. In dem halben Jahr seit seiner Rückkehr nach Sakala hatte er sie vielleicht drei Dutzend Worte sagen hören. Und sie wollte sich mit ihm unterhalten? Träumer hatten üblicherweise nur wenig Vertraute und Amy war keine Ausnahme. Die wenige wache Zeit, die sie im Einsatz hatten, verbrachten sie meistens zurückgezogen in ihren privaten Bereichen, die sogar für den Kommandanten der jeweiligen Basis verboten waren. Meistens sprachen sie nur mit ein paar wenigen Mitgliedern ihres Gefolges. In Amethysts Fall war dies vor allem die Anführerin ihrer Ehrenwache, Ellen Quarz. Eben diese hob jetzt auch mit ihren mächtigen Armen Amy auf und verließ, ihr Bündel eng an die Brust haltend, den Schutzbunker. Hektor vermutete eine romantische Beziehung zwischen den beiden, aber sicher konnte er sich nicht sein: Träumer waren undurchschaubar und Ellen viel zu pflichtbewusst als dass ihr jemals öffentlich ein Ausrutscher drohen konnte.

Hektors Schicht war vor vier Stunden zu Ende gegangen und er hatte brüllenden Hunger. Dennoch blieb er an seinem Platz am Rande der Kantine sitzen und kämpfte den Drang herunter, sich wenigstens einen Teller Suppe zu holen. Seine Befehlshaberin hatte gesagt, sie wollte mit ihm essen und deshalb wartete er. Er hoffte, der kleine Ecktisch würde Amy zusagen. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass sie den Trubel in der Mitte an den großen Gemeinschaftstischen als angenehm empfinden würde. Soweit er sich erinnern konnte hatte er sie überhaupt noch nie in der Kantine gesehen. Hektor gefiel der Platz an einem der wenigen Fenster, oder besser gesagt, Öffnungen im Beton. Zwar wehte ihm dadurch hin und wieder eine handvoll Wüstensand ins Gesicht und in die Augen, aber es schien auch etwas Licht hindurch. So spät am Abend waren sogar die Strahlen der Wüstensonne angenehm und Hektor bemühte sich so gut es ging, den Moment zu genießen. Ein stumpfes Scheppern riss ihn aus seiner Träumerei. Ellen hatte ein Tablett mit Gulasch, Brot und einem Glas Wasser vor ihm abgestellt und setzte sich nun mit ihrem eigenen neben ihn. Er kam nicht umhin, diese Frau zu bewundern. Sie war gut zwei Köpfe größer als er und bestand fast ausschließlich aus Muskeln. Unter ihren kurzen schwarzen Haaren lauerten zwei braune Augen, die unaufhörlich ihre Umgebung nach potentiellen Bedrohungen taxierten. Hektor bildete sich ein, dass sie das auch taten, während Ellen schlief; falls sie überhaupt jemals schlief. Er blickte sich nach ihrer beider Chefin um und tatsächlich kam sie barfüßig angeschlichen, die Haare noch nass von einer kürzlichen Dusche; sie trug ein dünnes, champagnerfarbenes Nachthemd, doch an den nackten Beinen waren die dünnen schwarzen Linien ihrer Tätowierungen auf der weißen Haut sichtbar. Hektor hatte in seinem kurzen Leben vielleicht eine handvoll Träumer gesehen und alle hatten diese markanten Striche. Die Gilde ging sehr sparsam mit ihren Geheimnissen um, deshalb konnte er nicht sagen, ob es sich um eine Art Initiationsritus, ein offizielles Zugehörigkeitsabzeichen oder einfach nur Mode war. Doch auch die festen Brustwarzen die sich durch die dünne Seide drückten fielen Hektor ins Auge. Errötend suchte er Blickkontakt zu seinem Gulasch und wartete, bis Amy ihr Tablett mit trockenem Obst und einem Glas Kaffee ihm gegenüber abgestellt hatte. Eine Weile saßen sie einfach so da und Hektor fragte sich schon, was er hier überhaupt sollte, als Ellens kräftiges Organ die Stille durchbrach: „Du musst Essen Lil‘, dein Körper braucht feste Nahrung.“ „Moment, Lil‘?“ platzte Hektor heraus, ohne groß nachzudenken. Amy lächelte schwach: „Alle nennen mich Amethyst, wegen meiner Augen“ vorsichtig tunkte sie ein Stück Orange in ihren Kaffee, „Aber mein richtiger Name ist Lilian.“ Hektor kam sich vor wie ein Trottel. Da arbeitete er schon so lange ausschließlich für diese eine Person und kannte noch nicht einmal ihren richtigen Namen. Lilians Miene verfinsterte sich. Ihre Augen, Hektor bildete sich ein, sie zum ersten Mal so klar und präsent zu sehen, richteten sich auf die seinen und unwillkürlich blieb sein Löffel in der Luft hängen. „Man stirbt jedesmal.“ – „Wie bitte?“ meinte Hektor, der auf einmal gar keinen rechten Hunger mehr hatte. „Jedesmal wenn ich schlafe, wenn ich träume. Selbst wenn es nur ein kleiner Angriff ist. Ich habe jedesmal das Gefühl, dass ich sterben muss. Die Todesangst ist immer da. Die Traumgestalt der Schlacken ist viel grässlicher als ihre körperliche Form.“ In Hektors Hals formten sich Klumpen. Wie konnte so ein junges Mädchen, mit so einem dünnen, ausgemergelten Körper über Jahre hinweg derartige Schrecken ertragen und ihn dennoch anlächeln? „Im Traum kann man nicht sterben“ fuhr sie fort, das Orangenstück noch immer in der Hand, „man wünscht sich nur, man könnte es. Machen Sie sich also keine Sorgen; ich sterbe erst, wenn ich die Schlacken einmal nicht mehr aufhalten kann, gemeinsam mit allen anderen auch.“ Falls das beruhigend gemeint war, verfehlte es seine Wirkung völlig. „Oder wenn du verhungerst“ grummelte Ellen. Es war tatsächlich schwer vorstellbar für Hektor, dass zwei so unterschiedliche Frauen etwas mit einander haben könnten. Die eine winzig, mit schneeweißer, von tätowierten Linien durchzogener Haut und kaum Fleisch auf den Rippen. Die andere riesig, sandbraun und voller Muskeln. Anstelle von Tattoos hatte Ellen ein paar markante Narben auf den Armen, ähnlich wie Hektor auf den Schultern. Die Ursachen waren vermutlich ebenfalls vergleichbar. „Ja Mutter“ gab Lilian schelmisch zurück und biss zum ersten Mal von ihrem Obst ab. Verschmitzt kaute sie darauf herum. „Sie haben ein gutes Herz, Klaue.“ Ellens kratzige Stimme von der Seite überraschte Hektor. „Deshalb mache ich mir Sorgen, dass Sie im Zweifel nicht in der Lage wären, das Richtige zu tun. Und wenn Sie das nicht können, kann ich Sie nicht befördern.“ Lilian deutete Hektors verwirrten Gesichtsausdruck und erläuterte: „Was ich vorhin meinte war nicht ganz richtig. Wenn ich versage, sterbe ich nicht so wie alle anderen. Wenn ich träume ist die Verbindung zu meinem physikalischen Wesen nur sehr schwach. Schlacken können diese Verbindung durchtrennen. Es würde nur mein Körper sterben, mein Verstand hingegen würde in Gefangenschaft geraten. Wir Träumer fügen den Schlacken schreckliche Verluste zu und dafür hassen sie uns. Jeder von uns der ihnen in die Hände fällt, wird aufbewahrt und gefoltert.“ Hektor wusste nicht, was er erwidern sollte oder konnte. Kein Wunder, dachte er, dass Träumer so zurückgezogen lebten. Seine eigenen Schmerzen und Entbehrungen kamen ihm nun sehr kleinlich vor. „Und deshalb“ setzte Ellen ein „Sehen Sie mich an, Klaue! Und deshalb muss jedes Mitglied des inneren Zirkels vorbereitet sein. Sollten wir wirklich einmal überrannt werden, müssen Sie Lilian töten bevor die Schlacken sie erreichen können. Wenn Sie das nicht können, macht Ihre Karriere hier einen Knick.“ Zum Teufel mit seiner Karriere! Wie sollte Hektor jemals so etwas tun können, wo er doch öffentlich vor allen Klans der Koalition das Gegenteil geschworen hatte? Er wollte gerade etwas entsprechendes ausdrücken als Lilian sich plötzlich kerzengerade aufsetzte. Ihre Augen weiteten sich und sie machte keinen Mucks mehr, als lausche sie einem fernen Donnergrollen. „Was ist Lil‘? Sind sie hier?“ fragte Ellen, ihr Besteck zur Seite legend. Lilian nickte langsam. Hektor bereute nun, sein Essen nicht angerührt zu haben. Würden sie tatsächlich angegriffen, gäbe es jetzt erstmal keine Gelegenheit mehr dazu. Lilian bemerkte, dass Ellen noch zögerte. Rasch schluckte sie ihren Bissen herunter und befahl überraschend laut: „Tu es!“ Und noch bevor Hektor sich darüber wundern konnte, was es wohl sei, sprang Ellen über den Tisch, schlang eine Pranke um Lilians Brust und injezierte ihr mit der anderen eine transparente Flüssigkeit in den Hals. Lilian flüsterte dankbar etwas in Ellens Ohr bevor ihre Lider zu flattern begannen und ihr Körper erschlaffte. Gleichermaßen routiniert wie liebevoll nahm Ellen die Kleine Frau auf und lief in Richtung Tür. Hektor griff sich mit einer Hand das Brotstück und suchte mit der anderem nach seinem Funkgerät. Dann sprang er Befehle brüllend auf.

Am vierten Tag fortwährender Angriffe war Hektor der Verzweiflung nahe. 18 Stunden am Tag stand er am Fußende eines Bettes auf dem ihrer aller einzige Hoffnung in einem nicht enden wollenden Alptraum gefangen war, durch Infusionen und eine Magensonde an ein Leben gehalten das so keines sein konnte. Er wachte während sie schlief, doch beneidete er sie keine Sekunde lang. Kaffee, Hartkekse und dem Militär vorbehaltene Aufputschmittel hielten ihn wach während Anästhetika und Opiate Amethyst schlafend hielten. Ellen wich zu keinem Zeitpunkt von ihrer Seite. Wenn Hektor sich ablösen ließ um ein paar Stunden Schlaf zu ergattern, stand sie neben dem Bett und beobachtete die Ärzte und Schwestern. Wenn er zurück kam saß sie auf einem Stuhl und tupfte mit einem Tuch den Schweiß von Amys Körper, der sichtlich heißer war als es ein menschlicher Körper jemals sein sollte. Hektor hatte den Eindruck dass ihre Tätowierungen im Rhythmus der EKG-Töne glühten. Bislang konnte sie den Perimeter halten, auch wenn sie täglich Soldaten auf den Mauern verloren und die Munition knapp wurde. Verstärkungen waren Angekündigt doch würden sie erst in einigen Stunden eintreffen und es war nicht klar ob sie noch so lange durchhalten konnten. Ellen kraulte mittlerweile offen Amys Arme und Schultern und flüsterte ihr sanft Geheimnisse ins Ohr. Hektor wusste nicht, ob die Träumerin das überhaupt mitbekam, doch für eine Weile schienen ihre Zuckungen abzuebben und ihr EKG ruhiger zu piepen. Die Angst in ihren weit aufgerissenen Augen blieb allerdings dieselbe. Und das alles, dachte Hektor bestürzt, wegen des Zufalls einer Geburt. Etwa drei unter hunderttausend Neugeborener waren Träumer. Für die Menschheit war es ein Geschenk, für die Betroffenen ein Fluch. Während sich jeder freiwillig zum Militärdienst melden konnte, war der Lebensweg eines Träumers vorbestimmt. Zu selten, zu wertvoll im Kampf gegen die Schlacken waren sie, als dass die Koalition ihnen eine Wahl lassen könnte.

Sie wusste, dass sie nicht überleben konnte. Mehr noch als ihre Instinkte, die das immer taten, sagte es ihr ihr Herz. Selbst wenn sie lange genug durchhielte bis die Verstärkungen aus der Hauptstadt einträfen, selbst wenn sie einen Träumer bei sich hätten. Sie würde bis dahin so geschwächt sein, dass sie so oder so sterben würde. Und obgleich die Angst ihr Herz in einem knöchernen Käfig hielt, gab es einen kleinen Teil in ihr, der erleichtert war. Das Kämpfen würde ein Ende nehmen, die Schrecken verschwinden. Und zum ersten Mal seit sie denken konnte, würde sie wirklich schlafen können. Sie wusste nicht mehr, wann sie aufgehört hatte, Hass auf die Schlacken zu kanalisieren. Sie kämpfte seit Stunden nur noch mit dem Eis ihrer Furcht, doch sogar diese Quelle, so unerschöpflich sie an einem Ort wie diesem schien, hatte Grenzen. Hoffnungslosigkeit kroch in ihr herauf; bald schon würde sie nur noch den dichten Nebel ihrer überwältigenden Verzweiflung zur Verfügung haben. Damit würde sie die Schlacken nicht mehr töten können. Verwirrung stiften, sie in die falsche Richtung locken, weg von ihren Freunden, war alles was sie noch tun konnte. Als die nächste Welle über die Mauern schwappte, Dutzende Männer in Stücke reißend, bündelte sie ihre Konzentration in ihrem Herzen. Sie ließ sich völlig von ihrer Angst einhüllen, kannte nichts mehr außer der Ohnmacht einer Maus in einer Grube voller Klapperschlangen. Dann ließ sie los und eine Explosion aus Eis kam über die Schlacken. Viele zersplitterten in tausende Teile, viele andere verloren auf diese Art Arme, Beine, Flügel, Tentakel und Köpfe. Doch zu viele waren übrig. Und noch während sie von ihrer Verzweiflung zu Boden und in ihren Körper zurück gedrückt wurde, spürte sie den Untergang. Es war ein Schlacke, größer als alle die sie jemals bekämpft hatte. Es musste der Anführer sein, der Grund für all die Angriffe. Es wollte Sakala und es stand außer Zweifel, dass es bekommen würde wofür es gekommen war. Ein Dutzend Mäuler und hundert Augen erfassten sie als der Leviathan die Sonne verdeckend über die äußeren Mauern sprang, unbeeindruckt vom Feuer der Sturmkanonen und dem Raketenhagel der ihm entgegen flog. Das Monster hatte nur ein Ziel und ignorierte alles andere auf seinem Pfad der Zerstörung. Innerhalb von Sekunden war es beim Schutzbunker in der Mitte der
Festung angelangt.

Mit einem ohrenbetäubenden Krachen kam die halbe Bunkerdecke herab gestürzt und begrub Soldaten, medizinisches Personal und Ausrüstung gleichermaßen. Noch während der Staub sich legte und Hektor seinen Hustenanfall unter Kontrolle brachte sah er zwei Hörner, groß wie Schulbusse, links und rechts des Bettes im Betonboden stecken. Um sie herum lagen alle, die an Amethysts Bett gearbeitet hatten und rührten sich nicht. Auch Ellen lag, ihr Gesicht von einem Stahldraht durchbohrt in einer roten Pfütze. Die Infusionsträger an beiden Seiten des Bettes waren nicht mehr, genauso wenig das EKG. Die Träumerin war entweder tot oder kurz vor dem Erwachen: beides gleichermaßen fatal. Das war das Ende. Hektor musste sich nur noch entscheiden, ob er als Feigling oder als Soldat sterben wollte. Er entschied sich für letzteres. Er hob das Gewehr an die Schulter, sah den Lauf hinab und eröffnete in blinder Rage das Feuer auf das erste paar schnappender Kiefer das sich seinen Weg durch die Decke bahnte. Die Kugeln bissen faustgroße Stücke schwarzen dampfenden Fleisches aus dem Schlacken, doch das war egal. Als das Magazin leer war, lies Hektor die Waffe fallen, zog die Pistole und schoss weiter, nicht mehr auf irgendwelche Körperteile zielend, auf die Bestie ein. Nun endlich schien die Kreatur ihn zu bemerken. Mäuler und Krallen drehten sich in seine Richtung und überall an ihrem Körper erschienen lidlose Augen die Hektor erfassten. Er hätte zur Wand zurückweichen können, doch er meinte, auf die Viertelsekunde die er dadurch womöglich gewinnen würde, käme es auch nicht mehr an. Der Versuchung, sich die letzte Kugel aufzuheben, konnte er jedoch nicht widerstehen. Er hob die Pistole an seine Schläfe als er den Atem der Bestie auf seinem Gesicht spüren konnte. Atem so heiß wie ein Stein in der Mittagssonne. Rote Linien tauchten auf den Zähnen und unter dem schwarzen Fleisch des Schlacken auf. Hektor stutze, die Kreatur tat es ihm gleich. Die Linien fingen an zu glühen und brachen durch triefende Haut. Heller und immer heller strahlten sie, bis Hektor, den Arm schützend vor den Augen erhoben nur noch Weiß sah. Schließlich explodierte der Schlacken und schwarzer Pudding warf Hektor zu Boden und begrub ihn unter sich. Nachdem er sich, noch immer unklar darüber was da gerade passiert war, aus der Masse heraus gekämpft hatte sah er, immer noch nach Luft japsend Amy rittlings auf Ellens massiver Brust sitzen und ihren Kopf in der ihren wiegen. „Am… Lilian“ brachte er hervor doch als sich die Träumerin nach ihm umdrehte, wäre er am liebsten wieder in die Leichenteile des Schlacken versunken. Lilians Gesicht war zu einer Grimasse aus Schmerz und Hass verzerrt, das Lila und Gold ihrer Augen rot unterlaufen. Eine Mischung aus Blut und Tränen lief über ihre Wangen. Noch bevor Hektor eine weitere Silbe äußern konnte, hatte Lilian Ellens Pistole in der Hand und auf ihn gerichtet. Obwohl sie am ganzen Leib bebte, bewegte sich die Laufmündung keinen Millimeter und blieb strikt auf seinen Hals gerichtet. „Zurück! Bleib wo du bist“ zischte sie kaum hörbar, doch die Botschaft war auch so klar. Da klickte Hektors Funkgerät: „Sakala, hören Sie uns? Hier ist das dritte Regiment der Koalition aus Tír; wir rücken auf Ihre Position vor, Luftunterstützung erreicht Sie in zehn Sekunden. Wir haben zwei Träumer in Bereitschaft. Sakala, hören Sie uns?“ Lilian und Hektor hörten. Doch noch während in Hektor die Hoffnung aufkeimte, den Tag vielleicht doch noch zu überleben, sah er etwas in Lilians Augen. Dann richtete sie die Pistole auf ihre Brust. „NEIN!“ Mit aller ihm verbleibenden Kraft hechtete Hektor nach vorne und warf sich der Träumerin entgegen. In der Kakophonie der überannten Basis war der Schuss kaum zu hören.

Ein Gedanke zu “Wüste

  1. In der Geschichte gelingt es Dir wirklich super die Stimmung von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung einzufangen. Du verrätst genug über die Hintergründe, damit der Leser sich zurechtfindet, ohne ihn mit zu vielen Details zu erschlagen. Eine sehr gute, runde Kurzgeschichte. Ich war mir nur nicht ganz sicher, ob es so klug war sie vor dem Einschlafen zu lesen. Doch zum Glück bin ich kein Träumer…

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