Review: Elric – Der Blutthron (von Michael Moorcock)

Im Rahmen meiner Sword&Sorcery-Recherge habe ich mir einige Literaturlisten durchgelesen, immer wieder tauchte der Name „Elric von Melniboné“ auf. Der mir irgendwie bekannt vorkam, und siehe da, ich fand die Neuübersetzung des ersten Bandes in meinem Mantikore-Rezensionskarton 🙂

Das Buch ist ein ziemlicher Brocken und nach Lektüre des Vorworts weiß ich jetzt, dass es sich um den ersten Band der „Michael Moorcock Collection“ handelt, bzw der deutschen Übersetzung davon. Heißt, dass neben dem – wenn ich das richtig verstanden habe – chronologisch ersten Teils der Elric-Reihe, auch noch einiges an Zusatzmaterialien geliefert wird. Aus Angst vor Spoilern habe ich mich der Sekundärliteratur erst nach dem Hauptwerk gewidmet, deswegen also erstmal zur Geschichte:

Elric von Melniboné – Im ersten Band begleitet man Elric von Melniboné, einen Drachenprinzen und Herrschen der uralten Kultur von Melniboné bei seinen Regierungsgeschäften, bis seine Welt ziemlich aus den Fugen gerät.

Elric von Melniboné ist ein atypischer Held. Er ist kränklich, in sich gekehrt, lethargisch und wird von seinen Untertanen als Sonderling gesehen, teilweise sogar offen angegriffen. Elrics Welt ist arachaisch und grob und es wird schon in den ersten Kapiteln angezeichnet, dass die Melnibonéer in klassischen Fantasy-Geschichten „die Bösen“ sind, die Zivilisation hat mit seinem einzigen Gesetz ja quasi das „evil-Alignment“ staatlich verschrieben.

Zumindest für mich hat das die Welt seltsamn anziehend gemacht. Elric ist nicht wirklich schlecht, er ist nur anders. Und auch seine Untertanen sind nicht böse in dem Sinne, sie machen einfach, was sie schon immer machen und denken nicht groß darüber nach. Dass die jüngeren Stadtstaaten sie hassen nehmen sie mit lethargischem Hochmut zur Kenntnis, ohne ihr Verhalten zu reflektieren.

Michael Moorcock nennt als eine der Inspirationsquellen Berthold Brecht, einen Autor den ich als Pate für eine Sword&Sorcery-Reihe nicht erwartet hätte. Die Einflüsse sind aber deutlich, nicht nur der nüchterne Schreibstil und die behandelten Themen, sondern auch der Aufbau des Buches (eingeschlossen der Kapitelüberschriften) zeigen deutlich in Richtung Brecht. Für mich ist das total toll, aber auch für nicht so literaturwissenschaftlich interessierte Leser sollte der Einfluss subtil genug sein, um sie nicht in Verzweiflung zu treiben 😉

Und nun zu den Zusatzmaterialien:

Vorwort von John Clute – Für mich als jemand, der den Namen „Michael Moorcock“ vorher noch nie gehört hatte auf jeden Fall sehr hilfreich. Clute fasst die Schaffensgeschichte zusammen, berichtet knapp aus Moorcocks Leben, setzt seine Werke in Kontaxt (teilweise mit recht viel Interpretationsspielraum, aber hey) Für mich als Neuling war es fast ein bisschen zu viel Information auf dichten Raum gepackt, aber dafür kann man so einen Text ja auch mehrfach lesen. Bei mir sind jetzt auf jeden Fall einige Werke mehr von Moorcock auf der „to read list“ gelandet.

Vorwort von Michael Moorcock – Für mich als Moorcock-Newbie war das Vorwort fast ein bisschen viel. Moorcock beschreibt den Werdegang der Moorcock Collection, setzt sein Schaffen in literaturgeschichtlichen Kontext und stellt eine Menge Querverbindungen her, die in Unkenntnis seines Werkes natürlich wenig Sinn machen 😉 Aber zumindest wird deutlich, dass ihm wichtig ist, seinen Lesern eine bestmöglich aufbereitete und zusammen gefasste Bearbeitung seiner Werke zu überlassen.

Vorwort von Alan Moore – ich mag seine Comics, aber meine Güte… ich komme mit seinem Schreibstil nicht klar. Außerdem gibt es Spoiler in dem Vorwort, wenn ihr die Geschichte von Elric noch nicht kennt, lest es also am Besten erst, wenn ihr die Reihe (nicht nur das erste Buch) durch habt.

Mit einem Schlagwort versehen – In diesem kurzen Essay setzt sich Moorcock mit der Frage nach Heldengeschichten und Fantasy auseinander. Er beleuchtet und analyisert kurz die Landschaft, zieht eigne Schlüsse und teilt Gedanken mit. Das Thema beschäftigt Moorcock anscheinend wiederkehrend und taucht auch am Ende des Buches noch mal auf.

Transkript zu „Elric – Der Aufstieg eines Zauberers“ – Wie der Name schon sagt, das Transkript der veröffentlichten Graphic Novel „Elric – The Making of a Sorcerer“. Mit 175 Seiten nimmt das Transkript einen guten Teil des Buches ein. Im Prinzip finde ich das Transkript einer bereits veröffentlichen Graphic Novel zu veröffentlichen etwas seltsam. Aber nachdem ich die Reviews zur Graphic Novel gelesen habe, fürchte ich, dass man den Lesern einfach die Geschichte zugänglich machen wollte, ohne sie mit der Graphic Novel in Kontakt zu bringen 😉

Der Herr des Chaos – Eine spannende kleine Kurzgeschichte über Graf Aubec, den Vorbesitzer und Namensgeber von Elrics erstem Schwert, der ans Ende der Welt auszog. Mehr möchte ich auch gar nicht verraten, aber mir hat sie sehr gut gefallen. Sie ergänzt auch einige Details über die Welt und deren Axiome, die vielleicht in den späteren Elric-Bänden aufgegriffen werden, aber zumindest in Band 1 noch nicht vorkamen.

Aspekte der Fantasy (1) – In diesem Essay beleuchtet Moorcock noch mal das Genre der Fantasy, fasst zusammen, analysiert und setzt in Kotext. Auch für mich als Mensch mit „Fantasyallergie“ sehr interessant zu lesen.

Elric von Melniboné: Einführung zum Comic von 1986 – Auch hier wird nicht auf den ersten Blick klar, was die Einführung eines über 30 Jahre alten Comics in der Sammlung verloren hat. Doch bei der Lektüre wird klar, dass Moorcock hier eigentlich sein Verhältnis zu visuellen Medien erläutert und erklärt, wie diese mit Elric bis jetzt versponnen wurden.

El Cid und Elric: Unter dem Bann! – In diesem Essay werden Elric und der spanische Ritter El Cid verglichen. Kurz, unerwartet und ausgesprochen interessant.

Ein Interview des Mantikore-Verlags mit Michael Moorcock – Abgeschlossen wird die Sammlung mit einem kurzen Interview Moorcocks mit dem Mantikore-Verlag. Ich bin mir recht sicher, dass das Interview nur in zwei Phasen und vermutlich schriftlich geführt wurde, sprich jemand vom Mantikore-Verlag hat Michael Moorcock eine Liste von Fragen geschickt, und dieser hat sie dann am Stück beantwortet. Daher nimmt auch keine der Frage Bezug auf eine vorherige Antwort, hakt nach, etc. und der Gesprächsverlauf wirkt abgehackt und künstlich, ich hätte vermutlich eher den Begriff „Q&A“ gewählt. Leider merkt man auch teilweise, dass Moorcock einige der Fragen doof fand oder keine Lust hatte, sie zu beantworten. Dennoch bietet das Interview ein paar nette Zusatzinformationen und auch die eine oder andere Anekdote.

Und sonst so? – Das Buch ist ein Taschenbuch, hat 509 Seiten und kostet 14,95€. Das Preis-Leistungsverhältnis ist meiner Meinung nach sehr gut, allerdings würde ich lieber 10€ mehr bezahlen und dafür ein Hardcover bekommen. Inhaltlich ist „Der Blutthron“ eher bei den Sammlerausgaben einzuordnen und ich wäre deutlich beruhigter, wenn ich wüsste, dass das Buch auch die nächsten 15 Jahre problemlos übersteht.

Und für alle, die so blind sind wie ich – Das Inhaltsverzeichnis ist auf Seite 25 😉

Fazit – Die Elric-Reihe macht dem ersten Band einen auf eine gute Art sehr ungewöhnlichen Eindruck. Und auf für Leser*innen, die die Geschichten um Elric schon kennen, bietet diese Neuauflage des Mantikore-Verlag einiges an Zusatzmaterial. Einziger Wermutstropfen ist die etwas „scheddrig“ wirkendende Taschenbuchausgabe, der Inhalt hätte meine Meinung nach eine edel aufgemachte Ausgabe im Hardcover verdient.

Also lange Rede, kurzer Sinn: Für Elric-Fans ist diese Version der Reihe ein Muss, aber auch für Neulinge oder Menschen ohne weiterführendes Interesse ist das Buch zu empfehlen, soweit ich das überblicken kann, gibt es derzeitig keine gut verfügbare, bezahlbare deutsche Übersetzung, im Zweifelsfall also die Version des Mantikore-Verlags kaufen und die Zusatzmaterialien einfach überblättern 😉

Ein Rezensionsexemplar wurde mir vom Mantikore-Verlag zugschickt.

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