Lovecrafter #0 – Die neue Vereinszeitung der Deutschen Lovecraft Gesellschaft

So, längere Pause, jetzt gibt es wieder ein Review, diesmal für die „Nullnummer“ des Lovecrafters, dem neuen Magazin der Deutschen Lovecraft Gesellschaft. Bis Anfang diesen Jahres war Cthulhus Ruf die Vereinszeitung der Gesellschaft. Mit großem Aufwand versorgte das Team uns für 5 Jahre mit ausgezeichneten Materialien für das Rollenspiel-System „Call of Cthulhu“. Mit Ausgabe 10 nahm das Team von Cthulhus Ruf seinen Hut (u.A. um sich mit dem System Matters-Verlag) auf zu neuen Ufern zu machen, und überließ neuen Autoren und einem neuen Magazin mit breiterer Aufstellung das Feld. Diese Entscheidung ist einerseits sehr schade und hinterlässt ein großes Loch in der Deutschen CoC-Community. Andererseits ist so Platz geworden für ein Magazin, dass den Zielen und Aktivitäten der Lovecraft-Gesellschaft gerechter wird. Es geht schon lange nicht mehr um Rollenspiel und das merkt man dem Lovecrafter #0 auch deutlich an:

Die Artikel

Vorwort – würde ich an sich kein Wort zu verlieren, aber Axel Weiß hat einfach Ahnung und das merkt man sogar den paar Absätzen, die dem Lovecrafter #0 voraus geschickt wurden, an. Er nimmt hierin Bezug zu Lovecraft und seiner Beziehung mit dem Amateur-Journalismus.

Mitteilungen des Vorstands – Seit August diesen Jahres haben wir mit Volker Rattel ein neues, aber umso engagierteres Lovecraft-Community-Mitglied als Vorstand. Die einleitenden Worte im Lovecrafter sind für dLG-Mitglieder interessant zu lesen, der Wert für Außenstehende hält sich vermutlich in Grenzen. Aber gut, da müsst ihr dann durch, liebe Nicht-dLG-Leser 😉

Interview mit Philipp Herrmann – Lovecraft-affine Crowdfunding-Junkies haben vermutlich von der Encyclopedia Necronomica mitbekommen, für alle Anderen: Philipp Herrmann, seines Zeichens Designstudent, entwickelte als Abschlussarbeit ein Nachschlagewerk, das 5 von Lovecrafts bekannteren Geschichten und die darin vorkommenden Mythoskreaturen in Bezug zueinander setzt. Herzstück ist hierbei vor Allem die graphische Aufmachung, aber Philipp hat auch einiges an Forschung betrieben, um den Inhalt dem Äußeren gerecht werden zu lassen. Jetzt wurde das Projekt für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Clemens Williges, Ansprechpartner für Pressearbeit und Schatzmeister führt nun mit Philipp ein Interview.

Ich muss sagen, dieser Artikel ist mein unerwartetes Highlight. Der Encyclopedia habe zumindest ich gar nicht angemerkt, wie viel Know-How und Gedanken sogar in kleinen Details stecken, das kommt im dem Interview gut rüber. Ich bin zumindest angefixt und hoffe, irgendwann mal eine der Ausgaben durchblättern zu dürfen. Clemens‘ Auswahl der Fragen ist ausgezeichnet, man erfährt viel Interessantes, über das Projekt selbst, den Produktionsablauf, den Künstler usw. Außerdem hat Clemens es geschafft, das Gespräch im Fluß zu halten, viele Themengebiete abzudecken, ohne zu Verlegenheitsüberleitungen greifen zu müssen, die ja sogar in renommierten Mainsteamzeitungen oft und gerne benutzt werden. Chapeau!

Rückblick auf die Gatsby-Party – Vorneweg: Die Gatsby-Party war großartig. Ein wirklich einzigartiges und erinnerungswürdiges Rollenspiel-Event. Der Bericht der Party im Lovecrafter… eher nicht so. Ich nehme an, dass hier versucht wurde, das Wochenende für Außenstehende literarisch aufzuarbeiten. Passieren tut das Ganze über die Psychiatrieprotokolle des auf der Feier anwesenden Fotographen. Leider ist das Ganze recht halbgar und der rote Faden fehlt. „Psychiatrie in den 1920ern“ ist eigentlich ein Thema, das für sich schon der Horror ist. Richtig rüberkommen tut der aber in diesem Bericht nicht. Schade.

„Jahreswechsel im Hansen-Haus“ von Simone Bischof – Der Beitrag des Rollenspiel-Resorts zur „Nullnummer“. Eine Gruppe Studienfreunde trifft sich Silvester 1930, um gemeinsam ins neue Jahr zu starten. Geheimnisse, verdrängte Emotionen und der vielfach verwendete Schneesturm verwandeln die Feier in einen Albtraum… „Der Jahreswechsel im Hansen-Haus“ ist ein cthuloides Kammerspiel, das auch als Freeform gespielt werden kann. Ich fand es großartig und hoffe, es bald anbieten zu können. Dann hört ihr mehr 🙂 Definitiv das zweite, wenn auch weniger überraschende, Highlight der Ausgabe. Ich würde das Abenteuer auch als einsteigerfreundlich bezeichnen, es kann sicher auch als „Murder Mystery / Krimidinner“ gespielt werden (auch wenn es nicht mit einem Mord startet). Also vielleicht auch für Nicht-Rollenspieler interessant?

Interview mit dem Golkonda-Verlag – Vierter größerer Beitrag zum Lovecrafter #0 ist ein Interview mit den Verantwortlichen des Golkonda-Verlags. Dieser Kleinverlag hat in erster Linie Phantastik im Programm (bitte nicht mit Fantasy verwechseln ;)) und hat z.B. schöne Neuübersetzungen einiger Werke der Brüder Strugatzki verlegt. In den Lovecrafter schafften es die Herren mit ihrer Neuübersetzung von „Der Fall Charles Dexter Ward„.  Auch dieses Interview, geführt von Nils Gampert, überzeugt.

Lovecraft – Autor verstaubter Horrorgeschichten? – Den Abschluss macht Steffen Waschul mit einem kurzen Essay über Lovecraft und Lovecraft-Verfilmungen. Die Frage, ob Lovecraft als Autor überhaupt noch zeitgemäß ist, wird nur gestreift, ich halte den Titel für irreführend. Benennt also am Besten gedanklich den Artikel in „Pulp, Gore & Zumutungen? – Lovecraft im Splatter Horror der 80er“ um, dann wird es deutlich nachvollziehbarer. Die letzte Seite des Essays sollte man dann auch weitgehend überspringen, in dieser wird nämlich die Frage nach dem verstaubten Autor beantwortet – allerdings ohne sie vorher diskutiert zu haben. Mich hat die Argumentation damit nicht überzeugt 😉 Zusammenfassend merkt man, dass der Autor kein Literaturwissenschaftler ist, aber er schreibt einen kurzwiligen und durchaus gelungenen Umriss über das behandelte Thema. Hätte er sich jetzt noch vorher überlegt, worüber er eigentlich reden will, und die Argumentationen in seinem Text entsprechend angepasst, hätte ich am Artikel nichts zu meckern. So meckere ich jetzt ein bisschen, hoffe aber auf weitere Beiträge aus seiner Feder!

Was es sonst zu sagen gibt

Das Sache mit dem Geld – 9,50€ für 56 DIN A5 B5-Seiten für Nicht-Mitglieder, es tut mir Leid, aber das ist einfach verdammt teuer. Ja, ich sehe ein, das kostet alles Geld und es steckt eine Menge Arbeit drin. Aber wenn ich die Zeitung so in Händen halte, denke ich, dass man an einigen Stellen problemlos sparen könnte. Es muss nicht jede Seite farbig gedruckt werden. Und ein, zwei Qualitätsstufen tiefer kann man für das Papier auch greifen, ohne dass das Erlebnis des „In-der-Hand-Haltens“ wirklich leidet. Der Lovecrafter spielt mit seinem Design ja sogar auf die alten Pulp-Horror-Zeitungen an, in denen Lovecraft zuerst veröffentlichte. Diese Entscheidung kann man meiner Meinung nach auch auf das Material übernehmen. Die potenziellen Käufer werden es danken.

Fazit – Ich muss sagen, ich tue mir ein bisschen schwer damit, ein Fazit zu ziehen. Ich war mir recht sicher, wegen des hohen Preises vom Kauf abraten zu wollen. Inzwischen habe ich den Lovecrafter gelesen und muss sagen, ich bin überraschend stark besänftigt worden. Ihr werdet den Besprechungen der einzelnen Artikel schon entnommen haben, dass ich von einigem wirklich begeistert bin.

Den Anspruch des Lovecrafters, die deutsche „Lovecraft-Szene“ in allen ihren Facetten widerzuspiegeln und eine zeitlose und auch für Außenstehende spannende Zeitung zu sein erfüllt der Lovecrafter mit der „Nullnummer“ nicht. Aber da ist schon verdammt viel Gutes drin – so viel, dass ich überzeugt davon bin, dass in den vorherigen Satz ein „noch“ gehört. Die „Nullnummer“ war ist ein Testlauf, in dem ein fast komplett neu zusammen gestelltes Team aus mehr oder weniger bekannten Größen der deutschen Lovecraft-Szene, das erste Mal gemeinsam die Gehirne, Stifte, Designprogramme und Druckerpressen spielen lässt. Und dafür ist es schon ganz schön gut geworden.

Also, was soll ich sagen? Wenn ihr 10€ über habt und Lovecraft spannend findet, holt euch das Teil. Es mag etwas überteuert wirken. Aber etwas Vergleichbares gibt es im deutschsprachigen Raum ohnehin nicht und auch wenn man nicht dazu neigt, Dinge nur zu kaufen, um die Macher zu unterstützen: Lovecrafter #0 hat doch einiges zu bieten. Nicht die Massen, die wir von Cthulhus Ruf gewöhnt sind. Aber lesenswert auf jeden Fall.

Kritik mitteilen – Und zu guter Letzt: Wenn ihr einen Lovecrafter in die Finger bekommt und etwas dazu zu sagen habt, her damit! Die Zeitung ist gerade in der Orientierungsphase, die Nullnummer ist unter Anderem dazu gedacht, eure Meinung zu sammeln und zu schauen, was ihr lesen wollt. Auch Artikel werden immer gerne gesehen, der knappe Umfang von #0 lag nicht zuletzt daran, dass es derzeitig, wenn ich mich nicht verzählt habe, nur 3 feste Autoren im Team gibt (davon 2 Chefredakteur und Vize!)

Erreichen könnt ihr das Team Lovecrafter am Besten über den Ansprechpartner Axel Weiß (bekannt aus dem Podcast Arkham Insiders) oder ihr schaut einfach im Forum der dLG vorbei: Unterforum Lovecrafter

Anmerkung: Als „Ansprechpartner Veranstaltungen und Eventplanung“ der Deutschen Loevcraft Gesellschaft kann ich zu diesem Produkt vermutlich kein unvoreingenommenes Review schreiben. Ich habe trotzdem mein Bestes gegeben, die Vor- und Nachteile möglichst gut herauszuarbeiten. Ich denke, das ist mir auch gelungen, ich weise nur trotzdem auf meine Position hin, nicht dass mir im Nachinein unlautere Werbung unterstellt wird  😉

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Ein Gedanke zu “Lovecrafter #0 – Die neue Vereinszeitung der Deutschen Lovecraft Gesellschaft

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