Rezension: „Soylent Green“ von Harry Harrison

Vor etwa einem Monat fand ich eine freudige Überraschung in der Post, nämlich ein Karton mit Rezensionsexemplaren des Mantikore-Verlags. Ich habe mich natürlich gleich ans Lesen gemacht, ihr werdet also in der nächsten Zeit einige Rezensionen zu den entsprechenden Büchern hier finden. Als Cyberpunk-Abhängige fange ich an mit „Soylent Green“ von Harry Harrison.

Im englischen Original heißt das Buch „Make Room! Make Room!“, also sinngemäß „Machen Sie Platz!“. Da sich die Mehrdeutigkeit des Titels schlecht ins Deutsche übersetzen lässt, wurde die erste deutsche Übersetzung unter dem Titel „New York, 1999“ veröffentlicht, für diese Neuübersetzung entschied sich der Mantikore-Verlag – wohl aus PR-Gründen – für den schmissigeren Titel „Soylent Green“. Nach dem recht bekannten Film von 1973, der lose auf Harrisons Roman basiert.

Worum geht es? Wir schreiben das Jahr 1999. Aufgrund der fehlenden Bereitschaft diverser Regierungen, sich mit dem Problem des Bevölkerungswachstums zu befassen, ist die Erde inzwischen gnadenlos überbevölkert. Die Ressourcen sind knapp und selbst in New York reicht es gerade mal zum Überleben. Alles ist voller Menschen, vor Allem Rentnern, man ernährt sich von eingeweichten Haferkeksen und Notrationen und kommt mehr schlecht als recht über die Runden. Mitten drin befinden sich die beiden Hauptfiguren: Andy Rusch, Detektiv des NYPD soll den Mord an einem Unterweltboss aufklären und Billy Cheung, Kind taiwanesischer Einwanderer und der gesuchte Mörder.

Die Geschichte selbst wird recht langsam erzählt, es geht weniger um das Aufbauen von Spannung als um das Zeichnen und Erklären der distopischen Zukunft. Themen die immer wieder aufkommen sind die Frage nach Lebensqualität, Überalterung und Geburtenkontrolle. Diese Themen sind wichtig, werden aber für meinen Geschmack teilweise zu plakativ und plump, teilweise sogar in Form von predigtartigen Monologen, vermittelt. Um mir auf die Nerven zu gehen, reichte es noch nicht ganz, guter Stil ist das für mich trotzdem nicht. Und gute Schriftstellerei hat das eigentlich auch nicht nötig. Intersseant zu lesen ist es trotzdem, ich habe das Buch durchaus genossen. „Soylent Green“ zeichnet eine low-tech-Distopie und ohne wirklich bösartige Elemente, die trotzdem schrecklich ist. Das macht das Setting spannend und lesenswert. Es sei allerdings gewarnt: Soylent Green kommt im Roman nicht vor und auch die ikonische Erkenntnis des Film-Protagonisten bleibt aus. Soylent als Marke kommt nur nebensächlich vor, Ernährung ist ein Problem , auf dessen Lösung nicht eingegangen wird. Einzig eine Szene, in der des nachts schwer bewachte Lastwagen durch die Stadt fahren, kann mit Filmkenntnis in diesem Licht gesehen werden.

„Make Room! Make Room!“ legt durch seine Thematik und die Art des Erzählens durchaus eine Einordnung bei den ‚klssischen Dystopien à la Orwell nahe. Fragt man sich schon, warum fast jeder von uns „1984“ in der Schule gelesen hat, „Make Room! Make Room!“ dagegen den meisten nicht mal vom Namen her bekannt ist. Hier mein Erklärungsversuch: Die behandelten Themen sind Themen, die uns auch heute noch beeinflussen und wichtig sind. Das macht die Geschichte auch durchaus wertvoll. Allerdings ging die Entwicklung weit gnädiger mit uns um als Harrison es prophezeihte. Wir haben zwar die Siebenmilliardenmarke geknackt und auch Städte mit 35 Millionen Menschen gibt es inzwischen, doch auch das Bewusstsein um die Begrenztheit der Ressourcen und Nachhaltigkeit ist vor Allem in den Industrienationen sehr stark. Auch Verhütung ist inzwischen akzeptiert und wird gelehrt und unterstützt. Die von Harrison gezeichnete Dystopie trifft also weniger als beispielsweise 1984. Das Problem hat sich einfach genug gewandelt, man fühlt sich als Leser nicht mehr so sehr angesprochen.

Zuletzt noch ein paar Worte zur Aufmachung: Die Übersetzung ist gut, eine kleine einstellige Anzahl an Fehlern ist mir aufgefallen, aber nichts, was den Lesefluss stören würde und auch im Rahmen dessen, was ich einem Kleinverlag problemlos verzeihen würde. Das Titelbild ist für mich unpassend und auch ungelungen. Auch hier ging es denke ich um Marketing und auch hier wurde (meiner Meinung nach) die falsche Entscheidung getroffen. „Make Room! Make Room!“ ist ein Klassiker und auch für den Matikore-Verlag wäre es denke ich die bessere Entscheidung gewesen, das Buch als solchen zu vermarkten.

 

Fazit: Mit „Soylent Green“ brachte der Mantikore-Verlag die Neuauflage des in deutscher Sprache länger vergriffenen Klassikers „Make Room! Make Room!“ heraus und leistete damit meiner Meinung nach einen wertvollen Beitrag zur – nennen wir es mal „literarischen Dystopienlandschaft“. Im Nachwirken fühlt sich „Soylent Green“ allerdings für mich zu stark nach einer Propaganda-Schrift für Geburtenkontrolle an, um sich zu den bekannteren Verwandten wie „Fahrenheit 451“ oder „1984“ zu gesellen. Lesens- und empfehlenswert ist es aber auf jeden Fall. Gerade für Freunde schmutziger Zukunftsvisionen und Dystopien und Menschen, denen es beim Cyberpunk um den ‚Punk‘ geht.

 

Eine Ausgabe des Buches wurde mir vom Matikore-Verlag zu Rezensionszwecken zugeschickt.

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Ein Gedanke zu “Rezension: „Soylent Green“ von Harry Harrison

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