BYOA: Ratten – „Der Kasten des Lebens“

Jetzt also die angekündigten Beiträge zu BYOA: Ich fange mal semi-chronologisch am Anfang an und zwar am 16.07.2015, dem zweiten Rollenspielabend mit BYOA. Ein Freund und Mitspieler hatte Besuch aus Alabama. Der Besuch fiel in die Kategorie „interessierter Neuling“, also musste die Runde einsteigerfreundlich und die Spielsprache englisch sein.

Eigentlich wollte ich erst einfach eines der gefühlten 100 Systeme/Abenteuer nehmen, die ich ohnehin auf englisch besitze, aus einem Anfall von Patriorismus wurde es dann aber Ratten.

Ein paar Worte über Ratten – Jeder, der sich länger als 30 Minuten in meiner Gegenwart aufgehalten hat, kennt dieses System vermutlich… ich liebe Ratten. Für alle Anderen: Ratten ist ein Pocket-RPG vom Prometheus-Verlag, sprich, ein System, das auf 72 Seiten DIN A5 (mit großer Schrift) passt und damit auch in jede Handtasche und zumindest die meisten Jackentaschen. Hosentaschen vielleicht auch, eine derartige großtaschige Hose besitze zumindest ich aber leider nicht. Und worum geht es?

Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Ratten, die ein verlassenes Kaufhaus bewohnen. Von der Struktur her erinnert das Setting ein bisschen an Werwolf: The Apocalypse. Die Ratten sind in verschiedenen Stämmen organisiert und statt Erfahrungspunkten gibt es Namen und Lieder, die in großen Stammeszusammenkünften nach ausreichendem Ansammeln von Herz, Fang und Auge erspielt werden können. Die Welt ist allerdings zumindest für mich deutlich griffiger und überschaubarer, es handelt sich eben „nur“ um ein Kaufhaus. Die Regeln sind schmal und griffig, die Charaktererstellung ist kurz und fokussiert sich wirklich in erster Linie auf den „Fluff“ (man werfe einfach mal einen Blick auf den Charakterbogen – viel einfacher geht es nicht mehr).

Auch das Würfelsystem ist recht einfach: nW6, wobei n je nach Attributen und Vorteilen variiert, die beiden höchsten Werte addieren, je höher das Ergebnis, desto besser der Wurf. (Irgendwo kam mir dieses Würfelsystem auch schon mal unter, aber ich erinnere mich gerade nicht mehr.)

Und als kleines Extra-Schmankerl (ja, Bayern färbt langsam ab): Das Grundregelwerk gibt es kostenlos als PDF auf der Verlagsseite. Ich meine, mich daran zu erinnern, dass auch Kompendium und Abenteuerband mal kostenlos gewesen seien, aber die gibt es inzwischen wohl nur noch zu kaufen. Wirklich brauchen tut es aber an sich nur das Grundregelwerk. So, und damit genug der Lobhudelei und weiter zum Abend!

Auf die Ratten, fertig, los! – Also, schnell die wichtigsten Sachen ins Englische übersetzt, Spieler eingeladen und los ging’s. Die Charaktererschaffung ging dank überraschend starker Spieler-Immersion sehr schnell. Nach einer knappen halben Stunde waren mit von der Partie:

  • Maggot-Whisperer / Madenflüsterer – Eine Müllschlingerin, die wegen ihrer Mitbewohner selbst von ihrer eignen Rotte kritisch beäugt wird. Ihr Fell ist von Maden befallen, was in Anbetracht der Größe einer Ratte doch eher verstörend wirkt. Sie selbst sieht die Maden als ihre Freunde und redet mit ihnen. Außerdem dienen sie ihr als Proviant für schlechte Zeiten.
  • Grey Pearl / Grauperle – Von ihrem Ersten Blut mit dem Auftrag ein „glänzendes Objekt“ zu finden kam sie mit einer grauen Perle zurück, daher der Name. Selbst für ein Rotauge ist sie ausgesprochen wieselig und klein.
  • Death-Jumper / Todesspringer – Ein todesmutiger und ebenso neugieriger Taucher, der sich mehr in den oberen Stockwerken bewegt, als vielleicht gut für ihn wäre. Bei seinem Ersten Blut sprang er aus Angst von einer Klippe, was ihm aus Unwissen als besondere Tapferkeit ausgelegt wurde.
  • Gobble / Verschlinger – Ein überraschend behäbiger, zäher Müllschlinger, der seine Probleme am liebsten einfach auffrisst.

Bei Gelegenheit scanne ich die Charakterbögen ein und lade sie hoch. „Der Kasten des Lebens“/“The Box of Life“ ist ein Abenteuer, dass ich schon mal geleitet hatte, allerdings als 1:1. Der genaue Verlauf des Abends folgt weiter unten, hier ein spoilerfreies Fazit: Die Gruppe fand sich überraschend gut in ihrer Rolle als Ratten zurecht, auch der Rollenspielneuling schien ausreichend überzeugt, zumindest kam sie die nächste Woche gleich wieder. Hat mich gefreut. Jede Woche kann man Ratten wohl nicht spielen, aber auch dieser Abend war wieder eine gute, spannende und spaßige Abwechselung. Ich muss sagen, je öfter ich Ratten leite, desto mehr schätze ich dieses System.

 

Achtung! Ab jetzt kommen Spoiler. Jeder, der das Abenteuer noch selbst spielen will, liest die folgenden Abschnitte also bitte nicht.

Auf der Suche nach dem Kasten des Lebens – Das Abenteuer startete recht gradlinig mit dem Einberufen der Spielerratten durch Sammler Narbenohr Weitsicht Quellenleser Weißfell. Seine Tochter Neugierde Samtfell ist verschwunden und muss jetzt gefunden werden. Die Ratten hören sich die Ausführung des Ältesten respektvoll an und machen sich dann an die Arbeit. Das Abenteuer ist recht kurz, daher werde ich nicht jeden Schritt im Detail anführen. Nur so viel – die Ratten ermittelten erfolgreich, sprachen mit Langohr Quellenleser und gelangten ohne übermäßige Umwege in den Keller. Die Episode im Lager der Taucher wurde etwas ausführlicher ausgespielt, gerade als Meister freute ich mich sehr über die aufkommende Atmosphäre. Nachdem die letzten Informationen gesammelt wurden, ging es los zum Aufenthaltsort des sagenumwobenen Kasten des Lebens. Als unerwartete Herausforderung erwieß sich das lange Tauchen, um den Zielraum zu erreichen. Trotz Unterstützung waren die Ratten nach ihrer Tauchfahrt recht lädiert. Aber immerhin hatte man sich sehr beeilt, so dass die Gruppe noch vor ihren Konkurrenten den Raum erreichte und Schnellbeisser Todeszahn und die trächtige Samtfell überraschen konnte. Die Ratten reagierten unterschiedlich auf die Konfrontation mit Samtfell und Todeszahn und die Versuchung durch den Kasten des Lebens, letztendlich entschied man sich für den diplomatischen Weg. An einem Kampf mit Todeszahn kam die Gruppe allerdings nicht vorbei. Siegreich hervor gegangen beriet man über das weitere Vorgehen. Letztendlich entschloß man sich, Samtfell zurück zu bringen und den Kasten des Lebens so weit wie möglich leer zu räumen. Grauperle türmte mit ihrer Beute, die anderen Ratten brachten Samtfell wieder in das Lager ihrer Rotte zurück und wurde entsprechend geehrt.

Hinweise für Spielleiter –  Erstmal muss man sagen, dass sowohl System als auch das spezielle Abenteuer wirklich meisterfreundlich sind. Das Abenteuer ist kurz und knapp auf den Punkt gebracht, wichtige Szenen sind lebendig heraus gearbeitet, theoretisch kommt man sogar mit Vorlesen und ein bisschen erzählen recht weit.Wer sich trotzdem ein bisschen mehr ins Zeug legen will – was ich empfehle -, hier ein paar Punkte, von denen ich das Gefühl hatte, dass sie dem Abenteuer zu Gute kommen:

  • Ermittlungen – Das Abenteuer selbst ist recht investigativ, ein bisschen Klauen und Zähne helfen aber durchaus weiter. Die Schwierigkeit der Ermittlungsarbeit ist eher niedrig, sollte die Gruppe ins Stocken kommen, können die Informationen aber problemlos von NSC-Ratten vermittelt werden.
  • Das Gespräch mit dem Langohr – Dieses Gespräch gewinnt sehr, wenn du diesen NSC lebendig darstellst. Üb ruhig vorher mal für ein paar Minuten ausschweifend und langatmig zu erzählen, überleg dir noch 2-3 zusätzliche Wege, wie die Erzählungen abschweifen könnten. Du kannst auch langsam und genüsslich eine Möhre knabbern und dafür die Erzählung wieder und wieder pausieren.
  • Erkundungen – Lass den Ratten auf jeden Fall genug Zeit, das Kaufhaus zu erkunden. Auch Lichtschalter und Wischmöppe sind spannend und eine Herausforderung, wenn man eine Ratte ist. Überleg dir, was in einem Kaufhaus auftaucht und wie eine Ratte das wahrnehmen würde. Einige gute Beispiele sind schon im Grundregelwerk gegeben, mehr schadet aber auch nicht.
  • Die Gruppenzusammensetzung – Lass deinen Spielern ihren Willen. Für die Geschichte an sich ist es fast egal, was für Ratten genau sich jetzt auf die Suche nach Samtfell begeben. Die Gegner am Ende sind eigentlich nur mit mindestens zwei „Kriegern“ zu überstehen, im Zweifelsfall kannst du aber sehr einfach die Herausforderungen anpassen. Meiner Einschätzung nach ist es besser, mit 4 Rotaugen loszuziehen, die ihren Charakter gut mit Leben füllen, als mit einer gemischten Gruppe, in der sich 3 von 4 Spielern mit ihrem Charakter nicht wirklich wohl fühlen.
  • Gegner anpassen – Der Endkampf am Ende muss mindestens mit Todeszahn bestritten werden. Die beiden Rotaugen können flüchten und Samtfell ist bereits zu schwach, um zu kämpfen, doch um Todeszahn kommt man nicht herum. Auch dieser abgeschwächte Endkampf ist für eine einzelne Ratte oder eine Gruppe kleinerer Ratten eventuell ein Problem. Biete den Spielern hier auf jeden Fall an, den Kampf auszuspielen, um sich Vorteile zu schaffen. Ein Rotauge würde vermutlich keinen Scharfzahn im freien Kampf angreifen, aber Dinge von Regalen auf abgelenkte Scharfzähne zu schubsen sollte den Gegner trotzdem klein kriegen.
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Ein Gedanke zu “BYOA: Ratten – „Der Kasten des Lebens“

  1. Pingback: BYOA – „The Quiet Year“ | tensidedcoin

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